VvAT – Verbundvorhaben Assistive Technik

Mehr Teilhabe durch Technik – aus dem Jahresmagazin des Caritasverbandes für den Kreis Coesfeld e.V.

In den Wohnhäusern zeigt der Caritasverband, wie moderne Technologien den Alltag von Menschen mit Behinderung bereichern und Mitarbeiter*innen entlasten. Im Mittelpunkt stehen dabei drei Wirkungsbereiche, die sich gegenseitig positiv beeinflussen: Personaleffizienz, Prozesseffizienz und Teilhabewirksamkeit.

Das Wohnhaus Nordkirchen ist einer von zehn Standorten in ganz Nordrhein-Westfahlen, der mit finanzieller Unterstützung der SozialstiftungNRW assistive Technik testet und implementiert. Schon seit 2019 hat sich der Caritasverband mit verschiedenen Projekten auf den Weg gemacht, um digitale Lösungen zu finden, mit denen er den Alltag für die Klienten*innen sowie für das Personal spürbar verbessert, wie etwa die intelligente Türsteuerung im Wohnhaus Lüdinghausen. Die Erfahrung und das bereits bestehende Netzwerk aus Softwarefirmen, Montagebetrieben und interdisziplinären Partnern bildete die Grundlage für die erfolgreiche Bewerbung als Modellstandort. Als die Ausschreibung der SozialstiftungNRW veröffentlicht wurde, reagierte der Caritasverband kurzfristig und bereitete die Bewerbung innerhalb von nur zwei Wochen vor. Das Bewerbungsverfahren sei eine aufregende Zeit gewesen, resümieren André Bußkamp, Ressortleitung Beratung & Wohnen, und Projektleitung Yvonne Brokop.

„Unser Anspruch ist es, mithilfe moderner Technologien optimale Rahmenbedingungen für den Arbeitsalltag unserer Mitarbeiter*innen sowie für den Betreuungsalltag unserer Klienten*innen zu schaffen.“ - André Bußkamp

Im Oktober 2025 hat das Wohnhaus Nordkirchen das Parto-Bezahlsystem eingeführt. Parto ist eine VISA-Karte, mit der die geschulten Mitarbeiter*innen der Wohnhäuser die Eigengelder der Klienten*innen verwalten können. Vor Einführung des Bezahlsystems war etwa der Ablauf von Einkäufen sehr aufwendig. Nach gemeinsamen Einkäufen erstellten die Mitarbeiter*innen die Rechnungsbelege händisch, um sicherzustellen, dass alle Klienten*innen anteilig und gerecht an den Gesamtkosten beteiligt wurden. Dieser Prozess war nicht nur zeitintensiv, sondern auch fehleranfällig und mit einem hohen administrativen Aufwand verbunden. „Die Freude über die Möglichkeiten des Online-Geldtransfers ist groß“, stellt Bußkamp nach kurzer Zeit fest. Jetzt können die Mitarbeiter*innen Gruppen- und Einzeleinkäufe digital abwickeln, die Zuordnung der Budgets erfolgt danach direkt in der App. Die VISA-Karte ermöglicht es den Mitarbeiter*innen außerdem, Online-Einkäufe im Auftrag der Klienten*innen datenschutzkonform und transparent zu tätigen. Der wohl größte Mehrwert sei jedoch der Zeitgewinn für die direkte Pflege und Begleitung der Klienten*innen. Im nächsten Schritt soll diese Bezahllösung in den weiteren Wohnhäusern eingeführt werden.

Ab der zweiten Jahreshälfte 2026 sollen auch die Klienten*innen eigene Parto-Karten erhalten. Voraussetzung dafür ist, dass sie die nötigen Kompetenzen für die Nutzung und Authentifizierung mitbringen. Das Unternehmen arbeitet bereits parallel daran, die Anwendung so barrierefrei wie möglich zu gestalten. Mit der Ausweitung auf die Klienten*innen strebt das Wohnhaus an, die Selbstbestimmung weiter zu stärken und die gesellschaftliche Teilhabe auch im digitalen Bereich zu fördern.

„Wir wollen mit den Geldern nicht nur die Technik kaufen, sondern auch langfristig implementieren.“ - Yvonne Brokop

Insgesamt stehen dem Caritasverband 175.000 Euro für die technische Ausstattung des Standortes, Schulungen für Fachkräfte sowie die wissenschaftliche Evaluation des Projekts zur Verfügung.
Im Rahmen des Modellprojekts erprobt der Caritasverband neben dem digitalen Bezahlsystem auch die Sprachsteuerung und die intelligente Türsteuerung in den Wohnhäusern. Die Sprachsteuerung wird ab dem Frühjahr 2026 getestet und soll bei erfolgreichem Probebetrieb implementiert werden. Sie ermöglicht es den Mitarbeiter*innen, Dokumentationen wie beispielsweise Pflegeberichte oder medizinische Werte direkt vor Ort und gemeinsam mit den Klienten*innen zu verfassen. Dadurch steigt die Transparenz und die Qualität der Dokumentation. Gleichzeitig entsteht auch hier eine deutliche Zeitersparnis.
Die intelligente Türsteuerung wiederum wurde bereits als Antwort auf konkrete Herausforderungen im Alltag entwickelt. Gesichtserkennung und Ganganalyse steuern die Tür individuell: Wer berechtigt ist, kann das Haus verlassen, während andere Klienten*innen in ihrer geschützten Umgebung bleiben. Diese Innovation mildert einerseits freiheitsentziehende Maßnahmen, kann
den Einsatz von Medikamenten reduzieren und ermöglicht andererseits größtmögliche Teilhabe der Klienten*innen am Gruppenleben.

„Wir zeigen, dass auch ein kleinerer Träger auf höchstem Niveau technischen Fortschritt mitgestalten kann.“ - André Bußkamp

Das Modellprojekt versteht sich als Blaupause für den Technikeinsatz in der Eingliederungshilfe und will zeigen, wie moderne Technik gezielt zur Verbesserung des Alltags beitragen kann. Die Zusammenarbeit mit Hochschulen sorgt für wissenschaftliche Begleitung und Evaluation. Die Hochschule Niederrhein etwa fokussiert sich auf die Mitarbeiter*innen und Technik, während die Evangelische Hochschule Bochum die Teilhabewirkung und Ethik für die Klienten*innen untersucht.
Das Projekt lebt von der Offenheit gegenüber Innovation und dem Mut, Neues zu wagen. „Die Projekte verbinden Innovation und Praxis auf eine bislang einzigartige Weise“, ist sich Bußkamp sicher. Bei neuen Wegen führt nicht jeder zum Erfolg. In diesem Sinne dürfen Teilprojekte auch scheitern, während andere gelungen abgeschlossen werden. Im Anschluss an die zweijährige Projektphase fasst die SozialstiftungNRW die Ergebnisse dann in einer großen Abschlussveranstaltung sowie einem Abschlussbericht zusammen und macht sie allen interessierten Trägern zugänglich.

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